Implosionsbombe und Kohleabbau

Als ich am 18.11. in Nagasaki ankomme, ist es sehr bewölkt und schwülwarm. Vielleicht verstärkt das den Eindruck, dass die Stadt einen ziemlich versüfften Eindruck macht. Während meines Aufenthaltes bemerke ich auch, dass mein Handtuch nur schwer trocknet. Die anhaltende Feuchtigkeit findet bestimmt auch ihren Niederschlag in den Gebäuden und bestimmt deren Erscheinungsbild mit. Nach meiner Ankunft im Hostel beginnt es gerade zu regnen, leider den ganzen Abend über. Ich mache das Beste daraus und besichtige das Denkmal für die 26 christlichen Märtyrer (6 Spanier und 20 Japaner), welche dort 1597 gekreuzigt wurden, als die Regierung die christliche Religion verbot. Die jüngsten Opfer waren 12 und 13 Jahre alt. Das Christentum hat eine lange Geschichte in Japan, v.a. Nagasaki. Früher gab es hier so viele Kirchen, dass Nagasaki als das Rom Japans bezeichnet wurde. Doch diese Zeiten sind lange vorbei, nachdem das Christentum vor mehreren hundert Jahren verboten und nahezu ausgerottet wurde. Dennoch konnte es im Untergrund überleben. Heute gibt es hier v.a. buddhistische Tempel und Shinto-Schreine. Anschließend gehe ich in das Geschichts- und Kulturmuseum Nagasaki.

Gleich am Morgen des 19.11. mache ich mich auf zum Ground Zero, dem Ort am Boden über dem Hypocenter, über dem also am 9. August 1945 um 11:02 Uhr in ca. 500m Höhe die zweite Atombombe gegen Zivilisten (von vornherein als „urban area“ bezeichnet) eingesetzt wurde. Die Bombe verfehlte ihr geographisches Ziel, eine Waffenfabrik (sofern dies jemals relevant war). Sie löschte den Vorort Urakami aus. Im Hypozentrum erreichten die Bodentemperaturen zwischen 3000 und 4000°C, in 1,5 km Entfernung noch 600°C. Menschen, Tiere und Pflanzen verdampften, verbrannten, verkohlten. Am schlimmsten waren aber wohl die Überlebenden dran. Im Umkreis von 1km wurde alles vernichtet und der heiße Wind fegte mit bis zu 170 km/h (Taifune erreichen meist nur 150 km/h) im Tal hinunter ins Stadtzentrum. Der anschließende Gegensturm in die entgegengesetzte Richtung. Die entstehenden Feuer brannten die Stadt nieder. Später schwarzer, hochradioaktiver Regen. Mit ihm kam der radioaktive Niederschlag vom Rest des Plutoniums und der Spaltprodukte. Die Strahlenkrankheit „befiel“ die Überlebenden. Die Spätfolgen dauerten über Jahrzehnte an. Die Überlebenden erhielten zwar zunächst medizinische Hilfe, später wurden sie aber mit allen psychischen und physischen Folgen alleine gelassen, teilweise auch noch stigmatisiert. Ich glaube, man kann sich das gar nicht richtig vorstellen, auch dann nicht, wenn man die Bilder sieht. Alleine die Hitze im August muss heftig gewesen sein und trinkbares Wasser gab es dann ja praktisch keines mehr, weswegen viele das schwarze Regenwasser tranken, ja, trinken „mussten“.

Ich besichtige danach das Atombombenmuseum, die Nationale Friedensgedenkhalle für die Atombombenopfer in Nagasaki, den Friedenspark, das Musium von Dr. Nagai Takashi, die wieder aufgebaute Urakami-Kathedrale, für deren Bau man 3 Jahrezehnte benötigt hatte und welche in 3 Sekunden zerstört war. Sie wurde nach dem Krieg in verkleinerter Form wieder aufgebaut. Danach noch die Shiroyama Grundschule. Auf dem Rückweg fällt mir ein Obstladen auf. Hier gibt es Netzmelonen für umgerechnet 10 Euro das Stück! Ich entscheide mich daher für einen Apfel für „nur“ 2 Euro.

Am Abend ziehe ich nochmal los, um mit einer Gondel auf den 333m hohen Berg Inasa zu fahren und Nagasaki bei Nacht zu betrachten. Die Aussicht, insbesondere bei Nacht, soll zu einer der besten der Welt gehören. Für wirklich gute und scharfe Fotos fehlt mir leider das Stativ, nachdem ich es von Kanazawa aus mit anderen Dingen per Post wieder nach Deutschland gesendet habe. Es war einfach zu schwer.

Da ich am 20.11. viel mit der Straßenbahn unterwegs sein werde, besorge ich mir als erstes ein Tagesticket. Zunächst besichtige ich die Ōura-Kirche, der wohl ältesten Kirche in Japan. Angrenzend ist ein kleines Museum, in der ich etwas über die Unterdrückung der Christen und ihrer über zwei Jahrhunderte andauernde Verfolgung erfahre. Zudem lerne ich auch etwas über Maximilian Kolbe. Das verwundert mich, verbinde ich mit ihm doch eigentlich „nur“ seine Ermorderung im KZ. Er wurde von den Nazis 1941 verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er für einen Mithäftling in den Hungerbunker ging. Da er nach zwei Wochen aber immer noch lebte, wurde er mit einer Giftspritze ermordert. Er hatte jedoch auch in Japan Jahre zuvor Großartiges erreicht. Hier gründete er ab 1931 weitere Verlage, Missionsstationen und mehrere klösterliche Gemeinschaften. Sein Werk ist in der katholischen Kirche von Nagasaki noch heute unvergessen.

Anschließend schaue ich mir den Glover-Garten an. Glover war ein Schotte, welcher in der Meji-Zeit (Abschaffung des Stands der Samurai und Modernisierung Japans) Händler war, auch für Waffen. Der Garten beinhaltet u.a. das Haus, in dem er gelebt hat. Die Gebäude sind eine Mischung aus westlichem und japanischem Stil.

Bezüglich des Essens halte ich mich an den Reiseführer, welcher mir ein hervorragendes Lokal im chinesischen Viertel vorgibt. Ich muss zwar 15 Minuten auf einen Platz durch den Anweiser warten. Es lohnt sich aber! Durch die Straßen bummelnd finde ich Dejima, welches früher eine künstliche Insel war, auf welche die ausländischen Händler leben durften. Die heutigen Gebäude sind originalgetreue Nachbildungen mit Ausstellungen über den Handel der Europäer mit Japan.

Ein Cafe, die Doppelbogenbrücke (megane-bashi) und zwei weitere Tempel bilden den Abschluss.

Um in Japan ein Auto mieten zu können, ist der internationale Führerschein nicht ausreichend. Man muss ihn zuvor ins Japanische übersetzen lassen. Daher begebe ich mich am 21.11. zum Büro der Japan Automobile Federation (JAF) und komme gerade rechtzeitig zum Frühsport der Angestellten. Ich warte, bis alles vorbei ist und treffe auf einen Angestellten, welcher kein Wort Englisch spricht. Der Mann versteht jedoch, was ich möchte. Dennoch braucht es ein bisschen an Kommunikation, wofür er das Internet benutzt. Da es jedesmal recht lange dauert, bis er etwas „sagt“, gehe ich davon aus, dass er hin- und zurück übersetzt hat, um die Korrektheit der Übersetzung sicherzustellen. Auf jedenfall darf ich am Nachmittag nochmal kommen, um die Übersetzung des Führerscheins abzuholen. Klasse, denn im Internet steht, dass das bis zu 2 Wochen dauern kann. Dann hätte ich ein Problem gehabt, weil Kyushu am besten mit dem Auto besichtigt werden kann.

Bereits gestern habe ich mir ein Ticket für die 3-stündige Bootsfahrt zur „Geisterinsel“ Hashima (Gunkanjima) gebucht. Nachdem dort im 19. Jahrhundert Kohle gefunden wurde, welche für die Industrialisierung Japans wichtig war, wurde von 1891 bis 1974 in Schächten bis ca. 1000m unter dem Meer bei 35°C und 95% Luftfeuchtigkeit Kohle abgebaut. Das Leben auf dieser sehr kleinen Insel (nur 500m lang) war hart, abenteuerlich und ohne Privatsphäre für die Familien. Während der Aufgabe der Insel wurden alle Anlagen abgebaut, die Häuser blieben aber stehen und sind seitdem dem Verfall preisgegeben. Heute bietet sich daher ein gespenstisches Bild mit vielen Fotomotiven. Auf dem Rückweg setze ich mich im Boot beim Spiel “Schere, Stein, Papier” oder “Ching, Chang, Chong” gegen ca. 100 (gezählt!!!) Japaner durch und gewinne eine Postkarte 😀

Später gehe ich noch in das „Digital Museum“ über die Insel, gut chinesisch essen, in ein Cafe und verbringe einige Zeit mit der Planung der kommenden Tage.

Der Reiseführer „Lonely Planet“ empfielt für Nagasaki eine Woche oder mehr. Ich war nun 3 volle Tage hier, habe aber einige Reisende getroffen, welche nur 1 Tag blieben. Mir ist unklar, wie man diese Stadt in dieser Zeit anschauen kann. Man war dann vielleicht überall, in Wirklichkeit jedoch nirgendwo.

In Nagasaki meine ich ziemlich deutlich den westlichen Einfluss erkennen zu können. Insbesondere öffentliche Plätze sind nicht so aufgeräumt, wie ich es von anderen Städten her kenne. Die Menschen erscheinen offener. Noch öfters als sonst werde ich aufgrund meiner Größe angegrinst oder angesprochen. Die Tram erscheint mir gerade mal 2,05m noch. Recht niedrig, finde ich 🙂

4 Gedanken zu „Implosionsbombe und Kohleabbau

    • Hi Daniel,
      der von Dominik verlinkte Wikipedia-Artikel sagt dazu:
      „Der Film Midori naki Shima (engl. The Greenless Island, 1949) wurde hier gedreht. Auch einige Szenen des Films Battle Royale wurden hier gedreht. Hashima diente im Jahr 2011 in James Bond 007 – Skyfall als Inspiration, jedoch nicht als Drehort“
      Viele Grüße,
      Andreas

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