Vulkan

Der Tag nach meinem Besuch in Kumamoto war von Logistik geprägt. Früh morgens fahre ich mit dem Zug zurück nach Nagasaki, hole mein in der vorherigen Unterkunft deponiertes Gepäck ab, fahre mit dem Bus zum Flughafen, um mir dort meine gebuchte Rikscha der Marke Mazda abzuholen. Mit ihr möchte ich in den nächsten Tagen durch Kyushu reisen. Viele Sehenswürdigkeiten kann man fast nur mit dem Auto besichtigen. So kommt es, dass ich das erste mal auf der linken Straßenseite fahre.

Meine erste Station ist Shimabara. Dieses ist bekannt für seine klare Quellen, welche erstmals 1792 nach der Eruption des nahe gelegenen Vulkans Unzen-dake auftraten. Dort angekommen besichtige ich gleich die Burg und gehe in einen vom Reiseführer empfohlenen Laden für Eisenwaren. Der Eigentümer kauft von diversen japanischen Schmiedemeistern Messer und bietet diese zum Verkauf an. Ich kaufe ein handgeschmiedetes Gemüsemesser und der Eigentümer holt extra für mich ein echtes Samuraischwert hervor, welches einem seiner Vorfahren gehörte. Ich darf es natürlich mal halten und er macht ein Bild. Zudem trinke ich einen Tee, welches mit dem örtlichen Wasser zubereitet ist und der hervorragend schmeckt.

Danach besichtige ich die Burg und begebe mich dann zum Hotel. Hier bin ich zuerst mit dem Wäschewaschen und -trocknen beschäftigt, begebe mich danach aber in das Onsen. Dieses liegt unglaublich schön direkt am Strand. Es ist meine erste Onsenerfahrung, so dass ich vorher zur Sicherheit nochmal eine Anleitung lese. Dort wird empfohlen, einfach genau zu beobachten, was die Japaner machen. Leider geht direkt vor mir niemand hinein, so dass ich mein Bestes gebe, auch so keine Fehler zu machen. Im heißen Thermalwasser liegend beobachte ich Japaner bei ihrer Waschung. Dabei verwenden sie ein kleines Handtuch als Waschlappen. Sie lassen sich wirklich Zeit dabei. Zum Waschen setzt man sich auf einen Schemel, was sehr entspannend ist. Da fällt mir als Gegensatz die Morgenwaschung der Wikinger in dem Film Der 13. Krieger ein (den man übrigens gesehen haben muss).

Am 24.11. geht es zunächst in das Bergdorf Unzen, welches recht weit oben am Hang des Vulkans Unzen liegt. Auf der Fahrt dorthin biege ich rechts in eine winzige Wohnsiedlung ab, um ein Foto des Bergs zu machen. Dummerweise rasiere ich dort einem am Straßenrand parkenden Auto den Außenspiegel ab. Das Krachen dringt tief ins Ohr und mir rutscht das S-Wort heraus. Ich halte an und begutachte den Schaden. Zum Glück keinerlei Schaden am Mietwagen. Offensichtlich ist es aber bei dem beschädigten Fahrzeug schon öfters geschehen, denn der Spiegel war wohl mit einer Art Harz von Hand am Auto befestigt gewesen. Er ist komplett abgerissen, die Scherben und die Plastikschale liegen auf der Straße verstreut. Dummerweise sehe ich nirgendwo jemand, alles wirkt verlassen. Ich schreibe daraufhin einen Zettel und als ich diesen ans Auto klemmen möchte, sehe ich einen Gärtner. Er ist der Eigentümer. Da er kein Wort Englisch spricht, biete ich im Geld an. Den 10.000 Yen-Schein weist er zurück, deutet aber auf den 5.000 Yen-Schein, umgerechnet knapp 45 Euro. Damit scheint die Sache für ihn ok zu sein. Ich hoffe, er muss nicht draufzahlen, entschuldige mich nochmal und setze meine Fahrt fort.

In Unzen angekommen tritt dort heißer, deutlich nach Schwefel riechender Dampf zutage. Er tritt aus Ritzen im Gestein, aus dem Sand und aus Fumarolen hervor. Letztere heißen auf Japanisch jigoku („Höllen“). Vor ein paar hundert Jahren wurden diese ihrem Namen gerecht, als man 30 Christen lebend in eine davon geworfen hat. Verschiedene Pfade führen durch das große Feld. Ich esse zwei im heißen Dampf gekochte Eier, was bei dem eiskalten Wind gut tut. Anschließend fahre ich mit der Seilbahn dicht an den Gipfel des Myoken-dake (1333m). Es ist zwar sehr kalt, aber die Sonne scheint und der Blick über Meer und Natur ist berauschend. Nachdem ich wieder nach Shimabara zurückfahre, besichtige ich noch das sehr realistische Museum des Vulkans. Man steht dort in einem Raum auf einer Art Simulator, welcher Vibrationen und Neigungen körperlich fühlbar macht. An der Hohlleinwand wird ein Ausbrauch dargestellt. Unter anderem sieht man einen pyroklastischen Strom als Film, welcher damals einige Menschenleben gekostet hat, darunter ein paar Journalisten sowie der Taxifahrer, welche die Journalisten in die Gefahrenzone gebracht hatte.

Am späten Nachmittag nehme ich die Fähre nach Kumamoto und fahre vom Hafen gleich weiter nach Aso. Aso liegt in einer 25×18 km großen Caldera, welche sich vor mehreren hundertausend Jahren gebildet hat. In der Mitte derselben haben sich neue Vulkane gebildet, einer davon ist sehr aktiv. In der Unterkunft lerne ich Azumi Fukuoka kennen. Sie ist Journalistin und reist in diese Krisengebiete, um Bilder zu machen und Artikel zu schreiben. Heute ist sie jedoch privat hier, weil sie morgen eine Obstbauerin besuchen möchte, über die sie erst im Oktober einen Artikel geschrieben hat. Sie weist auf die ökonomischen Folgen der Erdbeben und Vulkanausbrüche hin. Oft wissen die Menschen nicht, wie es danach weitergehen soll. Viele Bauern möchten natürlich auch auf oder nahe ihrem Land wohnen, aber die Regierung hält sie nach größeren Schäden davon ab, so dass sie sich woanders neu ansiedeln müssen. Jetzt wird mir auch klar, warum sehr viele Straßen in der Caldera gesperrt sind: erst im April fand ein größeres Erdbeben statt. Auch in meiner Unterkunft sind großformatige Fotos von den Schäden zu sehen. Straßen und Brücken zerrissen, Gebäude zur hälft eingestürzt, usw.

Am folgenden Tag (25.11.) geht es zuerst zum Schrein im Ort. Dieser ist aber zu einem Teil zerstört, so dass ich ihn nicht besichtigen kann. Anschließend möchte ich den Naka-dake besichtigen, bei dem man eigentlich auch in den Krater darf. Er ist jedoch gesperrt, da Warnstufe 2 von 3 gilt. Dennoch fahre ich am Hang nach oben und schaue mir das Museum an. Auch hier gibt es einen Film, der einem die Naturgewalt eines Ausbruchs näher bringt. Im Museum werden auch viele Gesteinsproben ausgestellt, welche an verschiedenen Stellen eingesammelt wurden sowie Fotos vom Ausbruch. Für Geologen muss so ein Vulkan ein faszinierender Ort sein.

Daher fahre ich über einen Stop an einem Aussichtspunkt am Rand der Caldera zu einem Wasserfall, hinter dem man unter einem Felsvorsprung durchgehen kann. Danach geht es nach Kurakawa-Onsen, welches ein Dorf voller Onsen ist. Hier kaufe ich mir ein Kombiticket zum Besuch von 3 Onsen. Alle sind fußläufig erreichbar und ich genieße die Unterschiedlichkeit derselben. In den ersten beiden bin ich der einzige Gast, im dritten finden sich auch Japaner ein. Man liegt im freien in heißem Wasser und schaut direkt auf den vorbeifließenden Fluss. Toll.

Am Morgen des 26.11. fahre ich nach Ibusuki im Süden der Insel. Der Ort wirkt wie ein typischer Badeort, jedoch ist nicht wirklich viel los. Es gibt aber ein Onsen der besonderen Art. Man bekommt einen Yukata (eine Art Morgenmantel) und legt sich, in diesen eingehüllt, in ein Loch im Sand. Helfer buddeln einen mit Sand zu, nur der Kopf schaut heraus. Der Sand ist natürlich heiß, was sonst. So liegt man wie in einem Gräberfeld in Reih und Glied mit anderen Sandbadegästen und genießt bei Meeresrauschen die Hitze. Nach 15 Minuten befreie ich mich vom Sand und begebe mich in das Onsen. Tiefenentspannt und bis in alle Poren gereinigt fahre ich danach zu einem Restaurant, in dem 1967 die nagashi-somen („fließende Nudeln“) erfunden wurden. In reifenförmigen Becken auf dem Tisch fließt 13°C kaltes Wasser. Man wirft seine Nudeln hinein, fischt sie anschließend heraus, taucht sie in eine Suppe aus Sojasoße und Wasabi. Dazu gibt es Fisch, eine Suppe und Reis. Bei heißem Wetter scheint das der Hit zu sein. Pro Jahr kommen wohl bis zu 200.000 Japaner hierher. Anschließend geht es zum Nagasaki-bana-Kap und zu einem Blumenpark.

Am Abend in der Unterkunft (Guesthouse Riders Inn) lerne ich Sangeev kennen, den ich am kommenden Tag mit auf Tour nehme, da es in Strömen regnet und er auf den Zug angewiesen ist. Damit sind für ihn Ziele außerhalb von Ortschaften nur schwer zu erreichen. Wir fahren ins Innere der Insel nach Chiran. Dieses ist bekannt für seine Rolle im 2. Weltkrieg. Logistisch günstig gelegen legte man dort einen Flugplatz an, um von dort in die Kämpfe um Okinawa einzugreifen, zuletzt durch sog. tokko-Einsätze, bei uns als Kamikaze bekannt. In dem Museum [1, 2] wird darüber berichtet. Zudem besichtigen wird eine 700m lange Gasse mit alten Samuraihäusern. Im damaligen feudalen System gab es in jedem von einem Herrscher (Daimyo) regierten Gebiet eine Festung. In Satsuma aber hat man zudem 102 (später 113) Ortschaften militärisch verstärkt, welche dann unter Kontrolle und Verwaltung der zentralen Festung standen. Sie wurden als Sotojiro (äußere Festung) bezeichnet und als Basis militärischer Aktionen verwendet. In einem dieser Häuser gibt es heute in einem wunderschönen Garten ein Kaffee mit allerlei Kunst, v.a. Keramik. Dort trinken wir einen Chai-Latte. Danach geht es nach Kagoshima.

Die letzten Tage fällt auf, dass die Japaner außerorts nur max. 50 km/h fahren. Das macht das Fahren recht harmonisch und auch sicher. Alle verhalten sich im Straßenverkehr genauso höflich wie auch im direkten menschlichen Kontakt. Mir kommt es natürlich entgegen, möchte ich doch unfallfrei fahren 😉

6 Gedanken zu „Vulkan

  1. Hallo Dominik,

    vielen Dank für’s Verlinken meines Onsen-Artikels. 🙂

    Deinen Artikel finde ich sehr interessant geschrieben und die Fotos sehr schön. Fotografierst du beruflich?

    Viele Grüße aus Tokio
    Tessa

    • Hallo Tessa,

      danke für das Lob. Nein, ich bin nur „Urlaubsfotograph“. Allerdings bin ich mit meinen Bildern noch nicht zufrieden. Nehme viele derzeit im Raw-Format auf, um sie nach meiner Rückkehr editieren zu können (allerdings brauche ich dafür erst noch eine Software). Habe gestern Leo in Kagoshima kennengelernt – die Bilder auf seiner Homepage sind auch editiert. Das ist auch mein Ziel.

      Viele Grüße,
      Dominik

  2. Hi Dominik,
    als Du in Nagasaki warst, wollte ich Dir die Besichtigung des „Glover Haus“ nahelegen, aber das hast Du schon selbst besichtigt… 😉 Nach Kumamoto wollte ich schon immer mal, der Vulkane wegen… Apropos Vulkane und Kagoshima. Den Blick auf den Sakurajima haben ich schon sehr genossen. Von Kagoshima fuhren wir nach Beppo dem Ostchinesischen Meers gegenüber. Super Badeort…
    In Kagoshima gibt es einen schönen Garten (wirst Du eh besichtigen :))) Außerdem in Kyushu gibt es viele christlichen Kirchen… (schon aufgefallen…)
    Wir sind ganz gespannt auf weitere „Abendteuer“ (hängen an Deinen Zeilen :))).
    Hast Du schon Pläne den weiteren Reiseverlauf betreffend?
    Viele Grüße derweil
    Detlef

    .

  3. Lieber Dominik,
    bin einfach nur erstaunt über deine Erlebnisse und deren Beschreibungen, toll!!
    Als Reisebegleitung wäre das für mich zu anstrengend gewesen,ha,ha,.
    Wo wirst du Weihnachten+Geburtstag verbringen?
    In Süssen geht alles normal weiter, nachts ist es sehr kalt.
    Willst du überhaupt wieder zurück zu den Germanen?
    Wünsche dir weiterhin viele gute Begegnungen.
    In Liebe deine Mama

  4. Hallo Dominik,
    Es ist schön Dir in dieser Jahreszeit zu lesen: hier werden die Tage kürzer und Du bringst Licht und Freude mit Deinem Reisebuch.
    Leider habe ich zur Zeit zu Hause Internetstörung und lese Deine Beiträge nur ab und zu. Trotzdem werde ich versuchen einiges für meine Familie zu übersetzen.
    Mach’s guet und g’sund woiter!

    • Hallo Christine,
      das mache ich gerne. Dein Kommentar vor meiner Reise, Euch an meiner Reise teilhaben zu lassen, war ein wichtiger Grund, diesen Blog auch zu schreiben. Der Gedanke, dass andere mitreisen können, ohne dabei zu sein, ist schön. Und für mich ist es eine gute Möglichkeit, alle Erlebnisse nochmal zu verarbeiten.
      Bis bald,
      Liebe Grüße,
      Dominik

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